Newsletter Nisarga.de vom 20. September 2014
Herausgegeben von Hermann R. Lehner

 

Elefanten in bunten Badehosen

Stell dir einen Tagtraum vor.  Sagen wir zum Beispiel, du siehst eine Herde Elefanten, die in bunt gepunkteten Badehosen eine Polka tanzen. Und eine Person, die in der Nähe steht und dem Treiben der Rüsselträger zuschaut. Dabei wird dir sicherlich schnell auffallen, dass du ganz automatisch nicht nur die Elefanten und die Person hinstellst, sondern auch das Drum herum: Die Savanne, den Boden also, den Himmel, vielleicht Wolken am Himmel usw. Ebenso sind normalerweise auch die Gesetze der Schwerkraft wirksam – die Elefanten tanzen am Boden und schweben nicht einfach durch die Lüfte (obwohl das natürlich auch ginge).

Bist du in dem Tagtraum mit drin? Natürlich nicht. Man könnte vielleicht auch sagen, dass der ganze Tagtraum in dir stattfindet, so wie auch ein nächtlicher Traum in dir stattfindet. Aber das sind eher Betrachtungsweisen, die jetzt nicht so entscheidend sind.

Nun stell dir vor, du wärest die Person in dem Traum. Würde dieser Tagtraum mit dir als Person eine geraume Zeit bestehen bleiben (sagen wir beispielsweise ein paar Jahre), so würde er für dich aufgrund der Erinnerungen und Erlebnisse immer echter wirken. Du würdest dich bald als echte Person betrachten, die echten Elefanten in echten Badehosen in einer echten Welt beim Tanzen zusieht. Dass das ein Traum ist, würde mit jedem Tag immer mehr verblassen.

Doch auch dann wärst du nicht diese Person. Wenn du dann durch irgendwelche Umstände eines Tages einen Schritt zurücktreten könntest, würde vermutlich die Idee aufkommen, dass du so etwas wie das Bewusstsein des Traums bist. Doch auch das wäre nicht wahr. Dieser Tagtraum ist wie eine (nennen wir es mal so) „Bewusstseinsblase“, die du entstehen lässt und in dieser „Blase“ findet das ganze „Elefantenleben“ scheinbar statt. Du, der das alles hingestellt hast, bist und bleibst völlig außerhalb und hast, solange du dich nicht vergisst, das Zepter in der Hand. Alles ist deine Fantasie und du bist sozusagen an der „Wurzel“ oder Basis des Ganzen. In Bezug auf diese Tagtraum-Welt existiert du (in ihr) gar nicht.

Hier ist das ebenso. Die Welt, die du jeden Tag siehst, ist gewissermaßen von dir (der du bist) erschaffen und du bist nicht mal mit einem Hauch von Bewusstsein darin enthalten. Wenn du das dennoch glaubst, tanzt sie dir auf der Nase herum – der normale menschliche Zustand halt.

Die Welt ist eine Illusion, ein Traum. Das ach so tolle Bewusstsein – über das so viel geredet wird – ist nichts anderes als diese illusionäre „Blase“, in der das alles scheinbar stattfindet. Das reine Bewusstsen – Bewusstsein noch ohne Inhalt – wird auch „Ich Bin“ genannt. Doch das hat auch noch eine Reihe anderer Namen: Gott, Turya, Atman, MoolaMaya (die ursprüngliche Illusion) und „subtiles Ego“.

Du kannst dich nicht von dieser Welt befreien (sich nicht mehr in ihr glauben), wenn du es immer noch genießt – egal wie wenig das sein mag –, als vermeintliche Person unter anderen vermeintlichen Personen Elefanten in bunten Badehosen beim Tanzen zuschauen zu wollen. Oder gar selbst mittanzen zu wollen. Aus dem Sandkasten des menschlichen Lebens kommt man nur heraus, wenn man mit beiden Beinen den Kasten verlässt. Mit einem drin bleiben zu wollen und mit dem anderen raus zu wollen, erzeugt nur einen schmerzhaften Spagat. Entweder befreist du dich ganz von deiner Welt und genießt das Ganze (wie von außen), oder du bleibst was du glaubst zu sein: ein sterbliches Wesen in einer großen Welt.

Um sich zu befreien, muss man selbst über das „Ich bin“ hinausgehen. Schließlich kann ein Elefant in einer Traumwelt nicht seine Welt beherrschen – ebensowenig eine „Person“ in einem Traum. Schon gar nicht, wenn sie einen Traum mit einer vermeintlich echten Welt verwechselt. Es gibt keine „echte“ Welt. Entweder der Schöpfer des Ganzen sein (bzw. sogar noch darüber hinaus kommen in den „zustandslosen Zustand“, genannt „Erwachen in die Realität“) oder hilflos gesch(r)öpft werden.

 

„Wenn der Verstand akzeptiert hat, dass alles Illusion ist, und nur Illusion, dann bist du in deinem Selbst.
Du sollte glücklich sein, dass zu wissen. …

‚Ich bin allgegenwärtig und allmächtig. Ich bin der Schöpfer von all dem hier.‘
Wenn du an der Basis von allem bist, dann bist du in allem.
Dann kann auch ein Mörder nicht mehr als schlecht betrachtet werden.
Verstehe, was immer geschieht, geschieht durch ‚meinen‘ Befehl.
Sei ein Meister, nicht ein Sklave! Du bist der Meister.“
[Sri Ranjit Maharaj – aus „Illusion vs. Reality]

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